Dienstag, 20. April 2010

Industrielandschaften. Ein Wasserturm, Kräne, einige Bäume zeichnen sich schwach am Himmel ab, hier, wo die Stadt ausfranst, wo hinter jeder Brücke das letzte Haus stehen kann, wo schon am frühen Abend nur ab und an ein Güterzug die Stille durchkreuzt.

Da, wo vom Boulevard Georges Noir die Rue Ian Fleming abgeht, stehen einige Fahrräder und wohl ihre Besitzer daneben. Nur wenige Fenster sind beleuchtet und wenn, dann nur im flackernden hellblau des Abendprogramms der Fernsehsender. Ein verkommener Lottoladen, der schon seit über zehn Jahren keine Gewinne mehr macht oder auszahlt, scheint der letzte Übriggebliebene einer vergangenen Zeit.

Schön, daß ihr gekommen seid, fängt einer der mutmaßlichen Radfahrer an. Er unterscheidet sich nicht von den anderen, dunkel gekleideten, biertrinkenden jungen Männern und Frauen, spricht jedoch offensichtlich einen Dialekt, der hier nicht hergehört. Nachdem er gesagt hat, daß die Taschenlampen (scheiße! welche Taschenlampen!? Ich werde sterben!) erst drinnen eingeschaltet werden sollen, setzt sich die Gruppe in Bewegung, beobachtet von niemandem, wenn nicht zufällig einer am Fenster eine raucht/schwängert.

Eine Einfahrt, im Hinterhof eine Nettoreklame und Parkplätze, keine Autos. Menschen schon mal gar nicht. Hinter einer Ecke wird der Hof größer und größer, ein Parkplatz für das Netto. Ganz weit hinten ein Monstrum von einem Haus. Klinker, schwarz, verlassen, kein einziges Fenster hat eine Scheibe, höchstens Bruchstücke.

Der Bauzaun hat wie zufällig eine Lücke und genau hier beginnt streng genommen der Hausfriedensbruch oder wie das heißt. Ganz ohne Bruch, nur ein friedliches Haus. Als ich davorstehe, erkenne ich, daß im obersten Stock, im eins zwei drei vierten Stock ein Baum aus einem Fenster wächst. Die Natur holt sich das hier alles zurück, frißt sich in Richtung Stadt.

Es ist noch nicht ganz dunkel, der Abend will gerade Nacht werden und wieder ist da ganz zufällig ein Loch, obwohl doch das Erdgeschoß des Klinkerbaus ansonsten vollständig mit diesen häßlichen hellgrauen Gasbetonsteinen zugemauert ist. Der Einstieg ist bequem, der Gang lang und dank der Betonsteine können die alten Hasen jetzt ihre Taschen- und Stirn(!)lampen einschalten. Lichtkegel lassen auch hier Steine, Pflanzen, Vergangenes aufblitzen. Lampen aus! Das Treppenhaus zieht alle in den zweiten Stock, vorbei an scheibenlosen Fenstern, Müll, eine Art Rohr (Lampe?) hängt senkrecht von der Decke, Ausweichbewegung nach links, weiter hinten das erste Teelicht, wieder ein Gang, wenige Teelichter zeigen den Weg, gerade genug, um darüber nachzudenken, ob das kitschig ist, Graffitti hier und da, alte Plakate an der Wand, ein Einkaufswagen, ein Beamer darin. Das ist eigentlich schade, weil Kino unter Tage im zweiten OG doch wenigstens mit Super8 oder so gezeigt werden könnte, vielleicht aber zu clichéhaft, wer weiß.

Erneut zeigen die Erfahrenen, wo es langgeht bzw, daß man ruhig mal eine Decke oder sowas hätte einpacken können. Menschen am Sonntag. Elektronische Musik setzt ein, der DJ war’s. 1929 und fast alle Bilder wie ganz neu.

Wir müssen alle sterben!, denke ich wohl als einziger. Ein Zug fährt hinter der Wand rechts lang, also jetzt direkt dahinter, padummpadummpadumm. Denken die alle, daß gehört zur Show?

Lampenschwingend erkundet man danach das Haus, unter dem Dach eine Art Saal mit Bühne. Klaviere wurden hier mal gebaut vor hundert Jahren. Keine Scheiben, zieht wie Hechtsuppe, keine schlechte Aussicht eigentlich. Kräne, Hallen, Schienen, eine Leuchtreklame hier, spärlich beleuchtete Wohnhäuser da.

Feierstimmung kommt nicht auf, wahrscheinlich weil das Bier alle ist oder die Mädchen frieren. Irgendeine Kneipe wird‘s schon geben. Wir taumeln die Treppen und Gänge nach draußen, vorbei am Kalender von 1990. Klinsmann, Kohler, Bein, Riedle, Stadt der Frisuren.

Am Boulevard Georges Noir erstmal nichts, dann auch nicht mehr. Der Pfingstdings hat geschlossen. Dielenklause – geschlossen. Güldene Aue – geschlossen, aber morgen 90er Party mit DJ Super-Ingo. Scheiße, das wär’s gewesen jetzt. Nach fünfzehn Minuten: die Brotbüchse, vier Männer am Tresen, zwei dahinter. Naaabend – für uns geschlossen. Und wieder nichts. Nur leere Straßen und dunkle Häuser links und rechts. Gibt’s denn hier kein Scheißbier in diesem Scheißpuff!? Hallt ganz schön in der Leere.

Doch da, am Ende der Straße, über den spiegelnden Bahngleisen erscheint er, zieht uns zu sich: der Flying Hirsch. Erlösung. Freitags Kurze für einsfünfzig und heute ist Freitag! An der hellbeleuchteten Krombacherspeisekarte vorbei, bingbing, und hinein. Ein Pferd von einem Hund betrachtet uns kritisch, die gott- nein arschgeweihte Kellnerin schleußt uns vorbei an der Bestie, wir fallen in eine rustikale Eckbank und holzgedrechselte Stühle.

Vier Bier und drei Aschenbecher für Hasenbrödl, bitte. Und die Karte. Was, Skatkarten? Ähm, warum nicht, her damit und’n Teller Fettbemmen, Mäuschen. Metallica singt ein Lied, ich will gleich rauchen und schwitzen. Schöne Holzvertäfelung, faßartige, gewölbte Holzdecke. Ich suche den in diesem Falle obligatorischen Jack-Daniel’s-Spiegel und entdecke ihn neben der Klotür, durch die der Hund eben läuft, ein Rüde also oder schlecht erzogen. Gut, daß ich gestern Abend den riesigen Ankerstempel oben auf den Unterarm bekommen habe, paßt gut zu den Tätowierungen der Dartspieler.

Achtzehn. Weg. Gegröle an der Dartscheibe, ein großes Hallo sozusagen. Einer hat den Pfeil in die Reset-Taste geworfen. Man erkennt ihn daran, daß er der einzige ist, der lacht, der Rest ist aufgebracht, fühlt sich um Sieg und Spiel betrogen. Er gibt eine Runde und alles beginnt von vorn.

Kommentare:

  1. Auch mein 300. Besucher bin ich selbst. Eine Cola auf mich und toitoitoi für die 400!

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  2. Bis hierhin dachte Rainer Text, er könne es Helene Hegemann, oder wie das häßliche copyright-problem-mädchen auch immer heißt, nachmachen. einfach den will schalten und walten lassen in seiner blog-welt. unbeobachtet vom rest, und währenddessen heimlich alle texte kopieren, und ihm dem papa, Dr. Fließ Text, der dramaturg am centraltheater in leipzig ist, zur korrektur vorlegen. der gibt den text dann dem alten suhrkamp, und der macht daraus einen riesen erfolg, und will bekommt von all dem nichts mit.

    und nun dies: will future hat selber geklaut. neben den unendlich vielen landschaftsbeschreibungen, besitzt der neueste future-text (eigentlich auch ein wunderbarer familien-doppelname) einen bezug zu rainer text´s autobiographie. oder wo soll sonst der geile witz mit den skatkaten herkommen?

    freundchen, ICH WARNE DICH! BEIM NÄCHSTEN MAL WILL ICH FUßNOTEN SEHEN,

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  3. Sehr geehrter Dr. Text,
    ich bedanke mich für Ihren Komentar nicht.
    Des Weiteren möchte ich Sie daran erinnern, daß Will Future es sich vorbehält, Kommentare wie Ihren zu löschen.
    Schönen Gruß von meinem Anwalt auch an den Herrn Papa Fleece.
    Ihre Helene

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  4. Stichwort "future-text (eigentlich auch ein wunderbarer familien-doppelname)"

    Sucht Dr. Text nachts im Internet Lebenspartner?

    Kann er gern machen, aber Will ist bereits mit Rose Future verheiratet.

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